Das Zusammentreffen von Moderne und aktueller Kunst, von vergangener und heutiger Avantgarde, ist in den Räumen des Singener Kunstmuseums nichts Ungewöhnliches. Die Kunstvermittler unter dem Hohentwiel verstanden es nach dem Kriege, die Künstler aus und in der Region für die junge Stadt zu interessieren – und setzen diese Tradition bis heute mit der heutigen Ausrichtung des Museums auf die zeitgenössische Kunst in der Euregio Bodensee fort. Die "Singener Kunstausstellungen", die ab 1947 bis Anfang der 1970er Jahre regelmäßig in Singen veranstaltet wurden, boten den in nationalsozialistischer Zeit verfemten Künstlern auf der Höri, eine erste Plattform nach dem Kriege. Unter der Ägide des in Singen geborenen Malers Curth Georg Becker (1904-1972), der der französischen und rheinischen Avantgarde verbunden war, wurde aus der regionalen Schau schnell eine internationale, weit ausstrahlende, bald auch grenzüberschreitende Kunstausstellung, in der große Namen der 1950er und –60er Jahre vertreten waren. Die Stadt kaufte an, vergab Aufträge für Wandbilder, Glasfenster, Majoliken, Plastiken und Skulpturen und Singen wurde zur Stadt moderner Kunst auf der deutschen Seite des Sees. Die angewachsene Sammlung wurde zum Grundstock des 1990 eröffneten Städtischen Kunstmuseums Singen. Aus dieser Sammlung zeigt das Museum nun eine repräsentative Auswahl an Werken von Max Ackermann, Otto Dix, Erich Heckel, Helmuth Macke, Curth Georg Becker, Walter Herzger, Jean Paul Schmitz, Ferdinand Macketanz und weiterer Höri-Maler.
Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten setzte 1933 die Diffamierung aller moderner, abstrakter wie expressiver Kunst als "entartet" ein. Ideologischer Druck, und die Nähe zur Schweiz, später auch die Not in den vom Luftkrieg bedrohten Städten und die bessere Versorgungslage bewog zahlreiche Künstler und deren Familien an den westlichen Bodensee zu flüchten. Die Halbinsel Höri wurde, auch der Nähe zur Schweiz wegen, ein bevorzugtes Refugium. Walter Kaesbach, der entlassene Direktor der Düsseldorfer Kunstakademie, der sich in Hemmenhofen niedergelassen hatte, war der entscheidende Mittler. Die Schicksalsgemeinschaft der in der "inneren Emigration" lebenden Maler machte die Höri als Künstlerort berühmt und setzte die wesentlich von Hermann Hesse gestiftete Tradition fort.
Wer also einen Einblick von den Höri-Malern gewinnen möchte, der darf nicht nur auf die Höri, sondern muss auch nach Singen fahren. Das Singener Kunstmuseum hat sie alle – und zeigt sie mit ausgewählten Werkkonvoluten; eingebettet in ihren Umkreis (Julius Bissier, Heinrich Nauen u.a.) und ergänzt um den Kunstpfad "SkulpTour", der, werktags, zu den Werken in Singens öffentlichem Raum (z.B. Wandbild "Krieg und Frieden" von Otto Dix im Rathaus) führt. In die Ausstellung eingebunden ist auch eine kleine Hommage zum 100. Geburtstag des unvergessenen letzten Höri-Malers Rudolf Stuckert (1912-2002).
"Die Klassiker von der Höri" sind, weit über die Ausstellung "Eckart Hahn – Der schwarze Duft der Schönheit" hinaus und parallel zur Schau "Bert Jäger (1919-1998) – Fotografie" (ab 22. Juli), über den ganzen Sommer hinweg bis zum 16. September 2012 zu sehen.